Körperbehaarung: Zwischen Shooting-Alltag und Selbstliebe

Körperbehaarung: Zwischen Shooting-Alltag und Selbstliebe

Rasieren oder wachsen lassen? Mich den gängigen Schönheitsidealen beugen oder – wo auch immer es für mich in Frage kommt – mich dagegen auflehnen? Diese Frage stellen wir uns doch alle.

Auch bei unseren Shootings ist das immer wieder ein Thema: Lassen wir Haare und Make-up machen? Werden wir einen blauen Fleck oder eine Narbe wegretuschieren? Und dürfen die Models auch unrasiert vor die Kamera?

Unterdessen habe ich eine klare Meinung dazu: Ja, wir lassen die Frauen von Anina stylen, aber sie kommen genau so vor die Kamera, wie sie sich wohl- und schön fühlen. Denn ich bin überzeugt: Nur wenn wir echte Menschen zeigen – Menschen mit Haaren, Narben und Dellen, dünne und dicke, grosse und kleine Menschen, kurz gesagt: Menschen wie du und ich direkt aus dem Alltag – nur so können wir gängige Schönheitsideale aufbrechen und dir zeigen, dass du gut und schön bist, genau so, wie du bist.

Die Körperhaare unserer Models dürfen also auch mit aufs Foto und ich beobachte, dass sich immer mehr Models bewusst dafür entscheiden, ihre Haare mit Stolz vor der Kamera zu tragen – schön, oder? Umso mehr freut es mich, dass uns Sandra heute einen tieferen Einblick in ihre Gedanken und ihren Weg dazu gibt.

Sandras Geschichte: Vom „Muss“ zum „Ich darf“

Ich erinnere mich an einen Moment, wo ich im Schulkindalter vor dem Spiegel stand, als ich meine ersten Achselhaare entdeckte. Ich packte fürs wöchige Sommersportlager und wusste: Nächste Woche werde ich oft im Bikini rumlaufen. Bei den älteren Teilnehmerinnen sah ich unter den Achseln jeweils keine Haare. Also fragte ich mich: Muss ich mich dort jetzt rasieren? Und wenn ja, muss ich das jetzt immer machen?

Die Antwort wäre eigentlich NEIN gewesen. Ich habe mich dann aber doch in ein JA gezwängt und diesem Zwang einige Jahre Raum gegeben. Daher bin ich umso befreiter, dass ich mir seit wenigen Jahren ein JEIN und immer öfter ein JA auf die Frage „Ist es okay, behaart zu sein?“ geben kann.

 

Der Weg zum Umdenken

Wahrscheinlich war das Erlebnis vor dem Spiegel der Startschuss. Immer wieder gab es Momente, sei es aus Faulheit oder Trotz, in denen ich auf die Rasur verzichtete. Wegen meiner eigenen Unsicherheit nahm ich dann aber doch den Rasierer oder das Epiliergerät wieder in die Hand.

Als ich vor drei Jahren für fünf Monate im Ausland war, rasierte ich mich gegen Ende der Reise – nebst der Faulheit auch aus praktischen Gründen – nicht mehr. Zurück in der Schweiz dachte ich mir: "Ach, es ist ja Winter, jetzt lass ich meine Haare mal weiter wachsen und schaue dann einfach im Sommer wieder...". Da ich damals noch in einem regelmässigen sexuellen Austausch war und wusste, dass mein Partner mich rasiert (noch) attraktiver findet, kamen die Haare im Intim- und Achselbereich nach wie vor weg.

 

Befreiung und neue Impulse

Doch die Beinhaare konnte ich ab dieser Rückkehr vollumfänglich stehen lassen. Dieses „Wachsenlassen“ fühlte sich sooo befreiend und bestärkend an. Seit sich das Verhältnis mit diesem Menschen aufgelöst hat, habe ich mich immer mehr auf meine eigenen Bedürfnisse fokussiert. Und ratet mal... ich liess die Haare einfach wachsen :) Eine Bestärkung war sicherlich, als mir ein Date sagte, er fände es toll, wie ich zu meinen Beinhaaren stehe.

Mit den Achseln und dem Intimbereich bin freunde ich mich Schritt für Schritt an. Ich fühle mich unsicher aufgrund von Kommentaren von anderen Menschen oder bezüglich Eigengeruch und Sexualität. Aber: Ich versuche mich davon zu lösen, was Familie oder Freund*innen denken. Wichtig ist, dass ICH mich wohlfühle. 

Und: Wenn ich meinen Körper mit all seinen Facetten liebe, liebe ich auch die Intimität und kann so auch viel mehr zurückgeben ;) 

Und Hygiene? Die hängt nicht von den Haaren ab, sondern von der Pflege – genau wie beim Kopfhaar.

 

Körpergefühl

Mein Körpergefühl hat sich um einige Nuancen gesteigert, seit ich mich mit allem anzunehmen versuche. Meine Ausstrahlung ist stärker und ich fühle mich von innen schön. Nebst dem Selbstbewusstsein spüre ich auch eine ausgeglichenere Haut – Irritationen und Juckreiz gehören fast der Vergangenheit an. 

Ein mutiger Ausblick

In Situationen, in denen ich die Einzige mit sichtbarer Behaarung bin, fühle ich mich „leider“ oft noch unsicher. Aber ich stelle mich diesem Unbehagen. Diesen Sommer werde ich versuchen, bewusst an passenden Anlässen ein Outfit zu tragen, worin ich mich wohlfühle UND die Haare sichtbar sind. Ich hoffe, ich traue mich...

Künftig wünsche ich mir, noch mehr zu meiner Behaarung stehen zu können und meinen Körper so zu pflegen, wie ich mich danach fühle. Dies erhoffe ich mir auch für die Gesellschaft. Denn das „glatte-Haut-Ideal“ aus der Werbung sitzt noch immer in unseren Gedanken fest. Darum: Fangen wir doch an und lieben unseren Körper!

 

Gemeinsam für mehr Echtsein

Sandras Weg zeigt, wie viel Mut in kleinen Haaren stecken kann. Egal, ob du dich diesen Sommer dafür entscheidest, deine Haare auch mal wachsen zu lassen oder doch lieber zum Rasierer greifst: Wir feiern dich und deinen Körper und wünschen uns einfach nur, dass du dich darin wohlfühlst.

Zippora von thoughtsofseptember zeigt dir die nachhaltigen Jerseys aus Tencel Lyocell

über die Autorin

Zippora Marti

Sie ist die Gründerin von thoughts of september und entwirft und näht gemeinsam mit ihrem Team Lingerie und Loungewear, die nicht nur schön aussieht, sondern sich auch gut anfühlt - auf der Haut und im Gewissen. Ihr Fokus liegt auf Passform, Körpervielfalt und einem bewussten Umgang mit Materialien und Ressourcen. In ihren Texten teilt sie Gedanken über Handwerk, nachhaltige Entscheidungen und darüber, warum Kleidung mehr sein darf als nur etwas zum anziehen.

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über die Autorin

Zippora Marti

Sie ist die Gründerin von thoughts of september und entwirft und näht gemeinsam mit ihrem Team Lingerie und Loungewear, die nicht nur schön aussieht, sondern sich auch gut anfühlt - auf der Haut und im Gewissen. Ihr Fokus liegt auf Passform, Körpervielfalt und einem bewussten Umgang mit Materialien und Ressourcen. In ihren Texten teilt sie Gedanken über Handwerk, nachhaltige Entscheidungen und darüber, warum Kleidung mehr sein darf als nur etwas zum anziehen.