Uns als Marke beschäftigt das Thema Geschlecht und Gender schon seit der ersten Stunde - arbeiten wir doch in einer klar weiblichen Branche und machen hauptsächlich Unterwäsche für Frauen. Wir wissen aber auch, dass das Thema Gender so viel grösser ist, weshalb wir uns in nächster Zeit hier auf dem Blog mit diesem Thema auseinandersetzen möchten. Was bedeutet Geschlecht für uns persönlich? Wie können wir diese Rollen aufbrechen; privat aber auch als Marke. Was bedeutet es für unsere Produkte?
Ein persönliche/philosophisches Gespräch zum Thema Geschlechterrollen und wie wir diese aufbrechen können, zwischen Zippora Marti, der Gründerin von thoughts of september und Michael Marti, ihrem Ehemann und Co-Gründer des Labels.
Um schon mit der Art dieses Blogposts ein bisschen an an den gängigen Geschlechtscharaktere zu rütteln, haben wir für Michaels Beiträge die Farbe Rot und für Zipporas Texte die Farbe Blau gewählt. Übrigens entstanden die heute gängigen Farbzuschreibungen erst Anfang des 20 Jahrhunderts, vorher wurden die Farben eher umgekehrt verwendet - eben genau so, wie wir das jetzt auch hier machen.
Was bedeutet Gender und die zugeschriebenen Rollen für uns?
Zippora: Wie auch du und vielleicht wir alle, bin ich in einer Familie mit klaren Rollenbildern gross geworden. Mir war klar, wie sich Männer und Frauen unterscheiden und definieren.
Mit 18 habe ich dann dich getroffen und plötzlich wurde so vieles in Frage gestellt. Du warst nicht immer nur stark und mutig, sondern manchmal auch unentschlossen und konntest Schwäche zulassen.
15 Jahre später sind noch immer in der gleichen Beziehung. Wir haben zwar keinen Garten, aber du erledigst den grössten Teil im Haushalt. Du verdienst zwar mehr, aber unterstützt mich und meine Ideen. Nicht selten trägst du meine Kleider und deine Lieblingsfarbe ist dieses helle violett. Durch meine initiative Art werden Entscheidungen eher von mir getroffen und während dir dein Äusseres wichtig ist, wird mir meines irgendwie egaler.
Jedenfalls ist all das so weit weg von dem, wie wahrscheinlich wir alle sozialisiert wurden. Ganz unbewusst werden in unserer Beziehung so viele Rollenbilder einfach ignoriert. Das bringt mich zu der Frage, was Männlichkeit und Weiblichkeit überhaupt bedeutet und ob wir uns von den gängigen Definitionen nicht zu viel Sicherheit geben lassen.
Michael: Ich wünschte mir manchmal, dass Gender gar nicht so viel Raum einnehmen würde, wie es in meiner Wahrnehmung derzeit tut. Auf dass wir eher als Menschen begegnen würden, denn als Mann* und Frau*. Irgendwie engt mich diese Denke ein, ich versuche daraus zu entkommen.
Ja, es nervt mich, dass mein Kopf jeden Mensch beim ersten Blick direkt in ein Gender einteilen will und die Gesellschaft mir das Gefühl gibt, selber nicht weiblich genug zu sein.
Wie können wir nun daraus "ausbrechen" wie du sagst?

Wir beide, direkt nachdem wir zum ersten Mal gemeinsam ein Chräuelichetteli gemacht haben - wir beide hatten so viel Spass dabei, unabhängig davon, welchen Geschlecht "Chräuele" zugeschrieben wird oder eben nicht. Wir tragen diese Ketten beide noch heute - Michael sogar mehr als ich.
Wie können wir aus unseren Geschlechterrollen ausbrechen?
Das ist eine schwierige Frage. Wenn wir Menschen weniger in Kategorien oder Schubladen denken würden, gäbe es seltener genderspezifische Ungleichheiten in der Benachteiligungen. Aber da ich den Konjunktiv verwenden muss, wird klar, dass dem in der Realität halt (noch) nicht so ist. Ich sehe jeden Tag, wie wichtig feministische Anliegen sind, wenn die Andrew Tates dieser Welt ihre misogynen Aussagen im Netz verbreiten.
Auf jeden Fall, gerade da diese Stereotype noch immer zu Diskriminierung führen. Sie weisen erstens uns Frauen in "ihre Schranken", helfen aber auch den Männern nicht, frei zu leben. Wir leben 2026: Sollten wir nicht einfach langsam durch sein mit der Frage und irgendwie fern dieser Rollen leben können?
Verstehe ich - auch ich würde mich mit gewissen Fragen lieber nicht mehr beschäftigen, weil sie obsolet sind, nur sind sie das heute nicht. Ich bin sehr privilegiert: Ich bin weiss, ich bin Schweizer, bin ein Mann und konnte studieren. Es ist nicht an mir zu sagen, wann es Diskussionen über Gleichberechtigung/Gender nicht mehr braucht. Was ich bis zu diesem Zeitpunkt tun kann - der noch sehr fern scheint - ist die regelmässige Selbstreflexion zu betreiben. Zu überlegen, ob es mir gelingt, auf frauenfeindliche Sprüche zu reagieren und Gegensprache zu halten. Zu sinnieren, ob meine Sprache gendergerecht ist. Zu studieren, ob und wie ich zu einer Welt von mehr Mensch– statt Mannsein beitragen kann. Und ich weiss, dass ich da noch ganz viel zu tun habe.
Wie wahrscheinlich wir alle... Aber die Folge Tabularasa zum Thema weibliche Wut, die ich gestern zum einschlafen gehört habe, hat in mir den Gedanken angeregt, wie wir vielleicht diese Geschlechterrollen aufbrechen können.
Karin Hause wird da ab Minute 20 zitiert, wie sie die Polarisierung der Geschlechterrollen beschreibt. Und zwar seinen im Übergang vom 17. ins 18. Jahrhundert mit tatkräftiger Mithilfe der Medizin (Stichwort Hysterie) entgegengesetzte Geschlechtscharaktere definiert worden. Männern und Frauen wurde spezifische Eigenschaften zugesprochen, die quasi diametral gegenüber stehen - einfach gesagt Männer als Yang und Frauen als Ying. Trotz aller Gemeinsamkeiten wurden hauptsächlich Unterschiede definiert. Klar empfinden zum Beispiel wir beide Wut und Angst, aber die Form, wie wir diese zum Ausdruck bringen, ist komplett unterschiedlich. Männer dürfen Wut zeigen, dafür keine Angst - und das Gegenteil gilt für uns Frauen. Männer sind aktiv, arbeiten, versorgen die Familie und dürfen auch in der Öffentlichkeit ihre Stimme erheben. Frauen sind passiv, kümmern sich um Heim und Kind und vor allem: sie schweigen.
Diese Definition der Geschlechter prägt noch heute unser Zusammenleben.
Vielleicht wäre also ein erster Schritt, diese Rollen aufzubrechen, sich dieser Stereotype bewusst zu werden?
Sich der Stereotype bewusst werden:
Was gilt als Weiblich, was als Männlich?
Welche Kleidung, Farben, Muster und welche Accessoires?
Welche Körperhaltungen, Mimik, Worte?
Welche Tätigkeiten, Interessen und Vorlieben?
Und was davon tue ich, einfach weil ich es so tun möchte? Was aber tue ich vielleicht nicht, weil es als nicht weiblich definiert wurde und wie könnte ich da vielleicht ausbrechen?
Ich zum Beispiel trage nie hohe Schuhe und bin meistens schwarz und nicht besonders "feminin" gekleidet. Ich habe letzte Woche gerade all meine Lippenstifte entsorgt und schminke mich auch sonst kaum. Ich sitze gerne breitbeinig hin, weil mir das Stabilität... Das sind vielleicht alles eher "männliche" Eigenschaften.
Auf der anderen Seite ist mir Empathie unglaublich wichtig, ich mag meine längeren Haare und trinke kaum Bier. Ich verdiene mein Geld damit, Lingerie zu nähen und liebe es, mit schönen und feinen Stoffen zu arbeiten, zu Stricken, "Chräuele" oder mich um meine Pflanzen zu kümmern. Meine offene Mimik und Gestik sind mir sehr wichtig, aber Wut kann ich nur ganz privat zeigen. Für mich ist das auch der Punkt, wo ich selber meine Weiblichkeit weiter aufbrechen möchte.
Und so finden wir vielleicht alle bei uns selber einen Bereich, wo wir uns hinterfragen und vielleicht diese Rollen mehr und mehr aufbrechen können. Wie sieht das bei dir aus?
Ich finde, das ist eine gute Idee! Da wo wir im Alltag unterwegs sind, können wir die Stereotype aufbrechen, Mitmenschen zum Nachdenken einladen. Natürlich einfach da, wo es zu uns als Menschen passt. Ich möchte gerne noch weiter ausprobieren, in welchen nicht stereotyp männlicher Kleidung ich mich wohlfühle. Trauer oder generell Gefühle zuzulassen glingt mir gegenüber nahen Menschen zwar gut, in der Öffentlichkeit und gegenüber Bekannten kann ich aber noch Fortschritte machen.
Das klingt irgendwie nach einem schönen Schluss, oder?
Einander als Menschen begegenen
Ja und Nein. Es ist eine gute Idee uns diesen Stereotypen bewusst zu sein und darauf im Alltag zu achten, aber ist das Thema nicht noch viel grösser? Darum plädiere ich nicht «nur» gegen die Schubladisierung vorzugehen sondern vorallem das Hauptaugenmerk darauf zu richten, dass wir uns als Menschen begegnen.
Dieses Gespräch ist über mehrer Tage im Juni 2026 entstanden und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
*Wir sprechen von Männern und Frauen im Sinne von historisch geprägten Rollenbildern, da diese natürlich auch unsere Realität und unsere Beziehung prägen.
Uns ist bewusst, dass diese Begriffe nicht alle Geschlechter abdecken.